20. Oktober 2009
Freitagnacht, 22 Uhr, Innenstadt von Santa Cruz: Zusammen mit meiner Gastmutter bin ich bei Andrea, einer ihrer Freundinnen, eingeladen. Sie feiert ihren 43. Geburtstag. Alle Freundinnen kommen in ihren allradbetriebenen Autos an. Die Hausangestellte öffnet das Gitter vor dem Haus und zieht sich danach wieder in die Küche zurück. Sie ist außer mir die Einzige, die weder hohe Schuhe noch goldenen oder silbernen Schmuck trägt. Zudem ist die Hausangestellte die einzige Nicht-Weiße. Nein, nicht ganz. Auch ihre Tochter, die mithilft, sowie der Kellner und der DJ sind dunklerer Hautfarbe und schlicht gekleidet. Sie verrichten eifrig ihre Arbeit in der Küche oder im Innenhof. Dort haben sich inzwischen 30 Gäste versammelt. Es gibt teuren Alkohol, leckeres Essen, Halloweendekoration und Kerzen. Die Frauen essen, den Rest packen sie für ihre Hunde ein. Ich muss an das denken, was ich am Morgen erlebt habe.
Freitagmorgen, 7.30 Uhr: Santa Rita, ein kleines Dorf, 40 Minuten vom Zentrum von Santa Cruz entfernt. Hier befindet sich das Kinderdorf für ehemalige Straßenkinder, in dem ich montags bis freitags wohne und arbeite. Ich frühstücke mit den Mädchen meines Hauses. Es gibt Kakaopulver, mit Wasser gemischt, und zwei Brötchen. Freitags sind die leider immer hart, weil wir nur dienstags und samstags backen. Dafür gibt es Margarine - für eines der Brötchen. Die Mädchen kratzen sie mit den Fingern aus der Verpackung und verteilen sie auf den aufgeschnittenen Hälften. „Wer will Butterbrötchen?”, fragt Vanessa, eine von ihnen. Sie hofft, später in der Küche etwas Leckereres zu essen zu bekommen. Sofort werden ihr allerhand Tauschgeschäfte angeboten. Roxana, die ihr zuvor ihr Hähnchen vom Mittagessen versprochen hat, gewinnt und bekommt das Brötchen. Heute ist Ausflugstag in der Schule. Aber die Kinder des Kinderdorfes können nicht mit. Der Ausflug kostet drei Bolivianos (30 Cent) pro Kind. Das ist zu teuer.
Freitagabend, 23 Uhr: Immer noch auf der Party.
Die Frauen beginnen, sich über ihre Töchter zu unterhalten. Alle gehen sie auf Privatschulen - und natürlich sind sie gut in der Schule. Bald werden einige von ihnen studieren - Jura oder so etwas. Jetzt sind die Töchter gerade in der Disko, nachher müssen die Mütter sie abholen. „Später als ein Uhr darf sie nicht wegbleiben, meine 15-Jährige”, sagt eine Mutter - und gleich werden wertvolle Erziehungstips ausgetauscht. „Hat sie denn schon einen Freund?”, wird gefragt. Nein, so weit sei es noch nicht.
Freitagmorgen, 9 Uhr: Im Kinderdorf. Die 15-jährigen Mädchen des Kinderdorfes haben das Haus geputzt, ihre Kleidung gewaschen und gefrühstückt. Sie helfen jetzt in der Küche, danach haben sie Hausaufgabenbetreuung und Nähen, Backen oder Computeraufgaben. Nachmittags besuchen sie die Schule im Dorf. Sie wollen Ärztin werden - oder Tierärztin. Einige von ihnen sind mit Jungs des Kinderdorfes „zusammen”, allerdings bleibt das geheim, Pärchen sind verboten. Das diene zum einen der Werteerziehung, zum anderen dem Schutz der Mädchen, die auf der Straße durch Prostitution Geld verdient haben.
Freitagabend, 23.30 Uhr: Auf der Party. Die Geburtstagsgäste haben mich über meine Arbeit ausgefragt und finden sie „sehr wichtig”. Ob die Kinder dort lesen und schreiben könnten, fragt eine. Und ob sie sehr schwierig seien. „Nein”, sage ich und muss an die Kinder denken. Daran, wie sie mich begeistert begrüßen, wie sie umarmt werden wollen, mir Geschichten erzählen und mich über „mein Land” ausfragen. Wie stolz sie sind, wenn sie das schönste Kartonhaus für die Schule gebaut oder ihre Basketballspiele gewonnen haben. Und wie stolz ich dann auch bin. Dann erzähle ich den Frauen auf der Party, wie wir in die Kanäle der Stadt gehen, um die Straßenkinder, die dort wohnen, in ein Heim einzuladen. Ob das nicht zu gefährlich sei, fragt meine Gastmutter. Aggressiv seien die doch, hätten Waffen. Fast jede der Frauen ist schon einmal ausgeraubt worden. Für sie sind Straßenkinder bewaffnete, klebstoffschnüffelnde Wesen. Ich muss an meine Arbeit denken. Daran, wie sich die Jungs gefreut haben, als wir Brötchen brachten, mit ihnen sangen und redeten. Eine Frau war auch dabei. Sie war schwanger, betrunken und weinte ununterbrochen. Dürr war sie, würde in jeden dieser Geburtstagsgäste drei Mal reinpassen.
Freitagabend, 23 Uhr: Party: Auf der Party wird nun getanzt. Salsa, Reggaetón, Electro. "Meine” Mädchen im Dorf tanzen auch unheimlich gerne. Sie kopieren Cheerleaderszenen aus Filmen und erfinden akrobatische Choreographien. Die Frauen der Party sind im Vergleich ziemlich ungelenkig und wenig ausdauernd, bald machen wir ein Pause. Alle haben Durst und bekommen Getränke serviert.
Freitagmorgen, 9.30Uhr, im Kinderdorf: Getränke serviert bekommen wir in Santa Rita nicht, an jenem Freitagmorgen haben wir dafür glücklicherweise Wasser. Manchmal gibt es einfach keines. Das ist ätzend, alles ist dann staubig und man kann sich kaum waschen, Zähne putzen oder Geschirr spülen. Ausserdem bekommt man natürlich schrecklichen Durst in der Hitze. Einmal fiel es vier Tage aus. Wir hatten einige Tonnen voll Putzwasser, dieses Wasser konnte man aber nicht trinken. Alle Kinder waren durstig, erst nach langem Rumgezeter wurde Wasser gekauft. Da kamen dann alle Kinder angestürmt, und freuten sich, als sie ein bisschen davon abbekamen.
Freitagnacht, 24 Uhr, auf der Party: Es gibt Torte, eine grosse, leckere Konditoreitorte im Halloweendesign. Die Kinder im Kinderdorf wuerden sich darum schlagen. Und das ist nicht symbolisch gemeint. Die Lieblingsdrohung der Kinder ist "Ich werde dich verhauen”, wenn jemand weint, lautet die erste Frage: “Wer wars? Wer hat dich geschlagen?” Manchmal gibt es Süßgkeiten. Allerdings muss man dann aufpassen, dass sie niemand der anderen Kinder klaut.
Samstagmorgen, 1.30 Uhr, in der Innenstadt von Santa Cruz: Wie andere Mütter holen auch meine Gastmutter und ich meine Gastschwester von der Disko ab. Viele Eltern warten hier mit laufenden Motoren auf ihre Söhne und Töchter, übers Handy befehlen sie ihnen, die Disko jetzt sofort zu verlassen. Auch die Kinder in Santa Rita werden manchmal von ihren Eltern abgeholt. Dann verbringen sie das Wochenende mit ihnen. Oder die Eltern kommen sie besuchen. Elisabeth freut sich aber nicht, wenn ihr Papa kommt. Sie will das ihre Mama kommt, die kam noch nie. Oder ihre Oma. Mit ihr hat Elisabeth bis sie vier Jahre alt war viel Zeit verbracht, seit sechs Jahren wurde sie nicht mehr gesehen. Jetzt weiß sie gar nicht, wo ihre Oma hin ist. Vielleicht ist sie in einem anderen Land, sagt Elisabeth. Ihr Papa kommt dann mit einer anderen Frau zu Besuch. Die kann Elisabeth nicht ausstehen.
Samstagmorgen, 2 Uhr: Im Haus meiner Gasteltern. Ich lege mich im Haus meiner Gastfamilie schlafen. Kann lange nicht einschlafen und frage mich, wie es sein kann, dass in einem Land, in einer Stadt, zwei so unterschiedliche Welten existieren. Ja, ich bin wütend auf diese Party-Frauen. Obwohl sie nett waren und lustig. Wütend, weil der Wert von nur einem ihrer Ringe hundert Schulausflüge für alle Kinderdorfkinder ermöglichen würde. Wütend, weil sie ihr Hausmädchen „das Mädchen” nennen und sich so wenig für die andere Welt ihrer Stadt interessieren. Und dabei weiß ich, dass diese Wut ziemlich heuchlerisch ist und dass ich mich genauso über mich selbst und über die Menschen in Deutschland aufregen sollte. Wir leben auch im Luxus und wollen oft gar nicht zu viel über andere Lebensverhältnisse wissen - um ja kein schlechtes Gewissen zu bekommen.