Mir ist kalt- bei 40 Grad

Die Arbeit als Freiwillige in Santa Cruz, Bolivien


Hermanaaa!”, schallt es ueber das ganze Kinderdorf “HERMANAAA!”. Ich blicke mich suchend um, um den Rufenden ausfindig zu machen. Hermana bedeutet Schwester und seit ich in einem Projekt fuer ehemalige Strassenkinder arbeite, bin ich wie alle hier Arbeitenden eine “Schwester”. An das Wort gewoehnt man sich sehr schnell, staendig wird man von irgendjemandem gerufen, soll beim Papphaeuser bauen helfen oder Jungen vom Pruegeln abhalten, Wasser tragen oder die Hausaufgaben erklaeren, Schampoo austeilen oder Hoppehoppereiter spielen. “Hermana, SCHAU MAL!” Der dreizehnjaehrige Víctor kommt an, im Schlepptau hat er eine ganze Traube interressiert blickender Kinder, an einem Stock vor sich eine Schlange. Eine Viper, wenn ich das richtig sehe. Gruen ist sie, lang und duenn und gluecklicherweise tot. Víctor weiss genau, dass europaeische hermanas von Schlangen nicht allzu viel halten. Deshalb hat er sie auch angeschleppt, nachdem er sie –gemeinsam mit den anderen Jungs seines Hauses- getoetet hat. Und er hat Recht, Schlangen sind die Tiere, die mich hier am meisten stoeren. Der Frosch in unserer Dusche ist eher suess, wenn och dusche, huepft er. Kakerlaken, Tausendfuessler, Riesenspinnen und Heuschrecken sind zwar nicht meine Lieblingsmitbewohner aber durchaus annehmbar. Genau wie die Tauben, die ihr Nest ueber unserer Toilette haben. Und Geckos, mit denen wir unser Schlafzimmer teilen, sollen ja Glueck bringen. Obwohl ich jedes Mal zu Tode erschrecke, wenn wieder an einem unvorhergesehenen Ort klebt.

Ausser Tieren, Victor, den anderen Schwestern und mir leben in diesem Kinderdorf etwa 70 Kinder. Sechsjaehrige Jungen, die abends nach dem Duschen in ihren Frotteeschlafanzuegen auf ihren Betten sitzen, einen Gutenachtkuss und ein Lied wuenschen. Maedchen im Grundschulalter, die alle dieselbe Frisur haben (den Zehnzentimeter-Schnitt ihrer Erzeherin) und mir die bolivianische Form von Gummitwist beibringen. Jungs in aehnlichem Alter, mit denen ich Handstand, Rad und Bruecke trainiere und Teenager, die -je nach Geschlecht- ihre Taenze ueben und Fussballspielen, meine Schminke oder meine Gitarre leihen wollen und sich abends heimlich auf dem Fussballplatz treffen (Nicht gerade clever, da dieser beleuchtet ist.)

ALALAY heisst das Projekt. Das ist Aymara, eine der indigenen Sprachen Boliviens und bedeutet “Mir ist kalt”. Kalt wird in Santa Cruz bestimmt nicht einmal einem Kind der Strasse, das Klima ist hier tropisch. Der Name stammt aus La Paz, dem Regierungssitz Boliviens, der auf 3800 Metern liegt und in dem einem Strassenkind ganz sicher oft die Fuesse einfrieren. Fast alle der Jungen und Maedchen in meinem Projekt lebten zuvor auf den Strassen oder in den Kanaelen Santa Cruz´. Von dort wurden sie aufgesammelt und in einem Haus in der Stadt ans “normale” Leben gewoehnt. Jetzt wohnen sie im Kinderdorf, das sich in einem kleinen Dorf 30 Minuten von der Stadt entfernt befindet. Mit fuenfzehn oder sechzehn Jahren werden sie in die Stadt zurueckkehren, dort ihre Schule abschliessen und eine Ausbildung oder ein Studium beginnen. Im Kinderdorf leben die Kinder nach Alter und Geschlecht getrennt zusammen mit einer Erzieherin und manchmal einem Freiwilligen in kleinen Haeuschen. Ihr Tagesablauf ist sehr streng, nach dem Aufstehen raeumen sie auf, fegen und wischen ihr Haus. Danach laeuft jeder ordentlich gekaemmt und in Uniform zur Schule. Nachmittags geht`s zur Hausaufgabenbetreuung, die Aelteren arbeiten danach in der Baeckerei oder an den Naehmaschinen und nehmen an einem Computerprgramm teil, das Werte und Selbstvertrauen vermitteln soll. Abends wird die Grosskueche und die Baeckerei geputzt, um 21 Uhr muss jeder in seinem Haus sein. Am Wochenende duerfen Einzelne ihre Familien besuchen, es wird Brot gebacken und genaeht, man geht in die Kirche, tanzt oder macht Ausfluege.

Victor, der immer noch mit seiner Schlange vor mir steht, wird wohl dieses Wochenende weder in seine Familie, noch zur Kirche gehen. “Hier verdient sich jeder seine Behandlung”, hoere ich die Soziologin sagen und Victor hat sich diese Woche nicht allzu gut verhalten. “Hermana, Victor hat mich geschlagen!” hoert man taeglich, Victor verschwindet ohne Erlaubnis von der Schule und ist fuer die blutigen Striemen auf Fernandos Ruecken verantwortlich. Er erfuellt seine Aufgaben nicht und ist sicher mitschuldig am Verschwinden von Keksen und Bananen aus dem Kuehlschrank der Freiwlligen. Manche seiner Mitschueler fuerchten ihn. Doch Victor wird rot vor Freude, wenn er A-Dur auf der Gitarre spielen kann und ich ihn lobe, wie schnell er lernt. Er laeuft gerne an der Hand und gruesst freudig, wenn man ihn auf der Strasse trifft. Er hilft mir beim Wassertragen und moechte gerne Lieder vorgesungen bekommen.

Oft sehe ich in ALALAY eine seltsame Mischung aus Hanni und Nanni und Huckleberry Finn. Die Kinder haben immer eine ganze Horde Freunde um sich, lachen und spielen viel. Sie haben Dinge erlebt und durchgestanden, gegen die unsere Probleme laecherlich wirken. Lernten, sich zu wehren und das nicht immer auf den bestem Wege. Pruegeln gehoert fuer sie zum Alltag, genauso wie verpruegelt zu werden. Sie sind selbststaendiger und dankbarer als andere Kinder ihres Alters und gehoeren zu den Sportlichsten ihrer Schule. Sie beten, dass Gott ihnen helfe, sich gut zu verhalten, verehren ihre Muetter und wuenschen ihren oesterreichischen Paten, dass sie stets gesund bleiben und dass Gott sie schuetzen moege.

Vor allem aber sind es Kinder, sie sich nach Liebe, Zukunft und Waerme sehnen. Und obwohl mir vieles in ALALAY falsch, altmodisch oder unverstaendlich erscheint, hilft das Projekt ihnen, dass “Mir ist kalt” nicht das Motto ihres Leben werden muss.