Ankunft

Samstag, 22. August 2009

 

 

Steigt man nach einer 30-stuendigen Reise aus dem Flugzeug, so ist das ein seltsames Gefuehl. Man weiss, dass man nun sehr weit fort ist vom zu Hause. Weiter, als man es je war. Weiter, als vielleicht saemtliche Vorfahren. In einem Land, von dessen Existenz man vielleicht bis vor kurzem nur eine vage Ahnung hatte. Und man wird ganz zittrig, von der fremden Luft, den neuen Bildern und der Gewissheit, dass man hier ein Jahr leben wird. 52 Wochen, 365 Tage, in denen man diesem Land nahekommen wird. Durch seine Strassen spazieren, seine Berge besteigen und seine Hitze aushalten wird. Seine Sitten und Braeuche kennenlernen, hier unter all den Menschen leben und arbeiten und dieses Land und seine Menschen lieben lernen wird.

 

 

Die erste Begegnung mit einer bolivianischen Stadt mache ich als Bolivienfreiwillige in La Paz, dem Regierungssitz, einer Stadt auf ueber 3800 Metern Höhe. Und da steht man dann als ordnungsgewohnter Deutscher. Zwischen Haeusern, Autos, Bergen. Umher hupt, schreit, quietscht und klappert es. Man steht da und staunt. Ueber die meterhohen Berge Bananen, Papayas, Kartoffeln und Ananas auf den Strassenmaerkten. Ueber die Frauen, die in ihren vielen Roecken und mit einem Baby auf dem Ruecken Fleisch und Empanadas braten und verkaufen. Ueber den Schuhmacher, der vor einem Feuerchen sitzt, eine Sohle annaeht und sich dabei lachend mit seinem Kumpl unterhält. Neben einem Holzstand, sitzt er, auf dem er mehr als 1000 BHs verkauft werden und  neben einem anderen voll  mit Suessigkeiten, verpackt in den schrillsten Farben. Auf dem Boden ein Maedchen, das Schmuck verkauft. Davor eine Rikscha mit frischgepressten Saeften. VIVA EVO, es lebe Evo, verkuendet die Haeuserwand im Hintergrund. Zwei Waende  weiter steht EVO ASESINA, Evo mordet. Die Bolivianer scheinen ihrem Präsidenten allerhand zuzutrauen. Unmengen von Taxis, klapprige Kleinbusse, vollgeladene Lastwagen. Ein Esel mit einem Wagen voll Zuckerrohr. Einer entlädt sein Auto und hält dafür mitten auf der Strasse. Und wieder wird gehupt, geflucht, gelacht. Auf der anderen Strassenseite marschieren ein Paramilitärs, kleine Männer mit Schlagstöcken und grünen Uniformen.

 

 

Und mittendrin steht man selbst. Freut sich ueber das Chaos, ueber die Menschen, ueber die Berge und das Leben. Und ist gespannt, was einen wohl in diesem Land erwartet.

 

 

Vorbereitungen

Dienstag, 11. August 2009

Eigentlich ist es nicht besonders schwierig, einen Freiwilligendienst im Ausland zu absolvieren.  Unzaehlige Organisationen bieten FSJs oder Zivi-Stellen im Ausland an, viele davon werden durch Regierungsgelder unterstuetzt, wie etwa das "Weltwaerts"-Programm. Trotzdem muss man zu einigen Anstrengungen bereit sein, um tatsaechlich eines Tages in dem ertraeumten Land anzukommen.

Ein Jahr vor der geplanten Abreise sollte man beginnen, sich zu informieren. Für mein Programm habe ich mich im vergangenen Herbst beworben. Auf knapp 30 Seiten habe ich im Bewerbungsschreiben dafuer meine Ansichten ueber die Welt erlaeutert, meine geheimsten Wuensche und Hoffnungen offenbart und meine besten Absichten erklaert. Von Lehrern, Vorgesetzten oder sonstigen Persoenlichkeiten habe ich mir geschwollene Referenzen schreiben lassen und hoffte damit, die Organisation ueberzeugen zu koennen.

Voller Freude holte ich ein para Monate spaeter die Zusage aus dem Briefkasten und nahm dann auch schon Anfang dieses Jahres am ersten Seminar teil. Diese Seminare werden mich bis Ende des Freiwilligendienstes begleiten. Auf einigen von ihnen haben wir bislang witzige bis alberne Spiele gespielt - und wurden nebenbei ueber saemtliche Themen informiert, die für einen Europaeer in entwicklungsländern von Belang sein koennen. Ich habe an heissen Diskussionen teilgenommen und jede Menge coole Leute kennengelernt.

Danach habe ich meinen Arzt konsultiert, bei dem ich in den folgenden Monaten zum Stammkunden  geworden bin, da ich mich gegen saemtliche denknbaren gefaehrlichen Krankheiten impfen lassen musste. Vollgepumpt mit Chemikalien und um einige Euro leichter, hoffe ich nun einige Monate spaeter, im Gastland gesund zu bleiben.  Nächster Punkt auf der Liste: Der Visumsantrag. Leider aendert sich das Antragsverfahren alle paar Monate, sodass ich manchmal an den Rand meiner Fassung gebracht wurde, besonders nach Telefonaten mit der Dame vom Konsulat. Doch tapfer ließ ich mich mit Verbrechermiene fotografieren und beantragte einen Reisepass. Dann kuemmerte ich mich um ein Schreiben der Organisation. Und dann um eines der Partnerorganisation in Bolivien. Dann telefonierte ich erneut mit der Konsulardame. Und unzaehlige Male mit der Stadtverwaltung, bis endlich, endlich, fuer den uebertrieben Geldbetrag von elf Euro, auch das polizeiliche Fuehrungszeugnis da war. auf dem uebrigens nichts Weiter als ein schlichtes “Keine Eintragung” steht.  Weiter gehts: Ich bescheinige meine Gelbfieberimpfung , kuemmere mich um ein Schreiben des Bundesministeriums fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit und um eine Einladung des bolivianischen Aussenministeriums. Wieder telefoniere ich mit der Dame vom Konsulat. Und nochmal, bis mir ihre schrille Stimme langsam sogar sympathisch wird. Schliesslich schreibe ich ein x-tes nettes Anschreiben, lasse alle Dokumente uebersetzen und beglaubigen.  Einige bangende Wochen vergehen, bis ich schliesslich in einem an eine unbekannte Person adessierten Schreiben meinen Reisepass zurueckbekomme. Darin ist nun ein unscheinbarer Stempel, der den Aufenthalt fuer 30 Tage erlaubt. Fuer die Verlaengerung dieses Visums stehen in La Paz geschaetzte zehn Mitarbeiter in einem Buero bereit, die Antraege bearbeiten, ablehnen oder die Regelungen aendern.

Von La Paz traeume ich zu diesem Zeitpunkt immer noch und bin damit beschaeftigt, meine Habseligkeiten auf die vorgeschrieben Kilos zu begrenzen. Noch weiss ich nicht, ob dieses Gepaeck im Gastland ankommen werden. Oder ob er vielleicht nur wenige Tage nach meiner Ankunft in Bolivien die Nachricht kommt, mein Gepaeck sei leider in Paris gelandet; es werde in wenigen Wochen nachgeschickt.

Flug, Unterkunft und Arbeitsstelle werden von der Organisation geregelt, sodass ich mich nun sorglos von meinen Lieben verabschieden, ins Flugzeug steigen und sich auf mein Jahr freuen kann.

 

Rund um den Globus

In der Kategorie "weltweit" schreiben Menschen aus der Region Esslingen, die sich für einige Zeit im Ausland aufhalten. Sollten Sie Interesse haben, hier ebenfalls über Ihre Erfahrungen im Ausland zu berichten, senden Sie eine Mail an online.redaktion@ez-online.de.